Vom Kuhdorf zum KoDorf!

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Mario Schönherr

Frederik Fischer aus Berlin, Journalist und Gründer des Social Startups Neulandia, setzt auf den ländlichen Raum. Mit zahlreichen Projekten beweist er seit einigen Jahren, dass man dem Problem der Abwanderung entgegenwirken kann und die Provinz wieder in ist. Im Gespräch mit denk.süd gibt er uns Einblicke in seine Arbeit und liebäugelt auch mit Kärnten.

denk.süd: Frederik, wie kam es dazu, dass du sich so intensiv mit neuen Lebens- und Arbeitskonzepten im ländlichen Raum beschäftigt hast?

Frederik Fischer: „Mit der Wohnungsbaugenossenschaft Neulandia wollen wir gemeinsam ein Netzwerk an Rückzugsorten aufbauen, das es Kreativen und Digitalarbeiter*innen ermöglicht, dem täglichen Trott der Großstadt zu entfliehen.“
Mit diesem Satz begann vor über sechs Jahren meine Reise. So stand es in einem ersten Konzeptpapier, das ich mit Bitte um Feedback an Freunde und Bekannte schickte, die sich wie ich ein neues und anderes Leben auf dem Land wünschten. Viel hat sich seitdem verändert: Der Name, die Idee, das Team und die Welt. Aus Neulandia wurde das KoDorf, dem KoDorf folgte der Summer of Pioneers und aus einer vagen Vision wurde gelebte Realität für eine inzwischen beeindruckend große Zahl von Menschen. Gemeinsam haben wir bewiesen, dass dieses andere Leben möglich ist, vermeintlich abgehängte Regionen häufig die eigentlichen Zukunftsorte sind und es da draußen unzählige Menschen gibt, die voller Tatendrang und Idealismus das Gemeinwohl wieder in den Mittelpunkt rücken. 

denk.süd: Vor Corona galt: Die Städte werden weiter wachsen während Dörfer schrumpfen. Laut einer aktuellen Studie der FH Kärnten werden bis 2050 rund 23.000 Kärntnerinnen und Kärntner das Bundesland verlassen. Kennst du ähnliche Beispiele aus Deutschland?

Frederik Fischer: Spätestens seit Corona ist klar: Auch das Gegenteil ist denkbar. Die Provinz wird für eine wachsende Zahl von Menschen zum Sehnsuchtsort — zum Refugium, in dem man Kraft tanken, die Natur genießen und sich Lebensqualität leisten kann. Zumindest in Deutschland ist das erkennbar. Und das wird sich in Österreich ähnlich verhalten. Das gilt speziell für Menschen, die in echten Großstädten wie Wien, München, Frankfurt oder Berlin leben. Kärnten ist so prädestiniert dafür. Hat alles, was diese Sehnsüchte befriedigen kann.

Doch es stellt sich für mich - im Rahmen meiner Arbeit - immer dieselbe Frage: Was hält die Menschen noch in dem Moloch, unter dem sie leiden? Eine mögliche Antwort: Die Stadt ist (noch) Notwendigkeit. Hier sind die Arbeitsplätze, hier sind die Freunde, hier ist Bildung, Kultur, Gemeinschaft, Lebensstil zu Hause, den selbst diejenigen nicht ablegen können, die es in vielen Momenten eigentlich gerne würden. Aber: der Aufbruch ist spürbar. Neue Möglichkeiten und neues Denken bieten neue Chancen! 

denk.süd: Das hat sich auf den Plan gerufen, sogenannte KoDörfer zu gründen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Frederik Fischer: Hierbei handelt es sich um ein neues Konzept des Lebens und Arbeitens am Land. Es soll ländliches Leben und städtische Infrastruktur miteinander verbinden und ein grüneres, ruhigeres Leben ermöglichen - ohne dass dabei auf die Vorteile einer Stadt verzichtet werden muss. Das KoDorf soll Arbeitsplätze, Kultur und Gemeinschaft aufs Land bringen. In diese können Coworking Spaces, Gemeinschaftsküchen, Kinos, Seminarräume, Bars oder Restaurants ziehen – und somit das im Dorf etablieren, was eigentlich eine Stadt attraktiv macht. So entsteht echtes Coliving. Nicht jeder, der in einer Großstadt lebt, fühlt sich dort auch wohl. Vielen ist die Stadt zu groß, zu dreckig, zu laut. Der Wunsch nach Natur und Entschleunigung wächst.

Mit dem Ko-Dorf wollen wir Städtern die Angst nehmen, auf das Land zu ziehen. Hier kann jeder in seinem eigenen Haus wohnen. Und dennoch kommt man im Coworking Space, in der Gemeinschaftsküche, dem Yoga-Raum, dem Selbstversorgergarten oder anderen Einrichtungen mit seinen Nachbarn in Kontakt. Ich glaube, dass wir mit unserer Idee den Nerv der Zeit treffen, weil sich viele Menschen nach Gemeinschaft sehnen. Denn durch die sozialen Medien erleben wir eine Art Entfremdung. Im KoDorf steht deshalb nicht so sehr der Einzelne im Vordergrund, sondern das Wir: Gemeinden stellen die Fläche zur Verfügung und schaffen Planungsrecht. Künftige Einwohner bezahlen den Bau der Häuser und entscheiden gemeinsam, was mit der Fläche passiert. In Wiesenburg (Anm.: Brandenburg, Deutschland) hat das Konzept vor allem eine Zielgruppe angelockt: Nämlich Digitalarbeiter, die von überall arbeiten können und dafür lediglich einen Laptop und Internet brauchen.

denk.süd: Könnte sich diese Idee auch in Kärnten realisieren lassen? Wer wäre die Zielgruppe und was benötigt sie?

Frederik Fischer: An erster Stelle steht eine klare Zukunftsvision für Kärnten und jede einzelne Kommune.  Gerade Corona hat den technologischen Wandel befeuert und so vollkommen neue Möglichkeiten geschaffen – insbesondere für die Provinz. Der Süden Österreichs, an der Grenze zum Alpen-Adria-Raum, mit all der landschaftlichen Schönheit, aber auch den guten Verkehrsanbindungen, hat enorm viel Potenzial für neue Lebens- und Arbeitswelten.

Wenn man bedenkt wie teuer Wohnraum in den deutschen Großstädten (und sicher auch in Wien) geworden ist, kann man sich schnell denken, dass hier von vielen nach alternativen Lösungen gesucht wird. Und wir entwickeln uns hin zu einer Gesellschaft von Kopfarbeitern. Remote Work wurde zum Standard und ist mittlerweile Teil jedes Bewerbungsgespräches. Darin liegt die Chance für Kärnten. Gerade die ÖBB ist sehr gut ausgebaut und zuverlässig. Da liegt die Zukunft: neue Nutzung von Mobilitätsangeboten in Kombination mit technologischer Infrastruktur. Ganz gleich ob 5G oder Breitband. Dies muss zum Standard für Kommunen der Zukunft werden. Das ist aber auch die Herausforderung für die Kommunen: Bei der Mobilität und auch beim Ausbau des Breitband-Internet wird vieles versucht. Es fehlt jedoch an weiterführenden Ideen, wie man diese Infrastruktur-Offensive auch nachhaltig bewirtschaftet bekommt.

Denn eines ist klar: Möchten die Kommunen attraktiv sein für neue Zielgruppen so müssen sie sich auch den Anforderungen ihrer Zielgruppe anpassen und sich entsprechend attraktiv präsentieren. Da reicht es nicht, einfach nur die Taktung von Buslinien ein wenig zu erhöhen. Ein umfassendes Verständnis über die Bedürfnisse von Coliving-Zielgruppen ist notwendig. Denn es sind keine Utopien, die so manch eine Wohnanlage im Grünen in einen funktionierenden Coliving-Space verwandeln und so neues Leben auf´s Land bringen.  


Wir sind neugierig! Was denkt ihr zu der Idee der KoDörfer?  Ein Thema für Kärnten? Schreibt uns. Wir diskutieren gerne mit euch auf unseren Plattformen.

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