Sackgasse ländlicher Raum!

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Mario Schönherr

Die Europäische Union verschärft das Klimaziel für 2030. Um mindestens 55 Prozent soll der Ausstoß von Treibhausgasen unter den Wert von 1990 sinken. Welche Auswirkungen wird diese Ankündigung nun in der Mobilitäts- und Verkehrswende haben? Wie steht diese Entwicklung im Einklang mit der Mobilität im ländlichen Raum?


Fakt ist: Der Verkehrssektor trägt noch nichts zum Erreichen der Klimaschutzziele bei. Zahlen aus Studien unserer deutschen Nachbarn zeigen, dass Emissionen im Jahr 2019 im Vergleich zum Referenzjahr 1990 praktisch nicht gesunken sind. Während in den Städten die Mobilitätswende bereits begonnen hat, werden ländliche Regionen immer abhängiger vom eigenen Pkw. Davor bleiben auch wir in Kärnten nicht verschont. Vorwiegend weil sich der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) zurückzieht bzw. aus wirtschaftlichen Gründen zurückziehen muss. Und auch, weil sich immer mehr Betriebe aus dem ländlichen Raum in urbanere Gebiete verlagern und sich so Anreisewege zum Arbeitsplatz verlängern. Welchen Trends kann man nun vertrauen, wenn es um Lösungen für den ländlichen Raum geht?

Bleibt man bei der Klimabilanz so sind die Verkehrsmittelwahl und die Fahrleistung im Fokus aller Betrachtungen. Während die Verkehrsmittel Fahrrad und Fußgänger von Natur aus klimaneutral sind, werden bei der Personenbeförderung mit motorisiertem Verkehr Treibhausgase ausgestoßen. Bei den für den ländlichen Bereich zutreffenden Verkehrsmitteln zeigt sich die Bahn am klimafreundlichsten, gefolgt vom Linienbus und dem, deutlich schlechter abschneidenden, Pkw. Dazu kommt, dass sich der Pkw-Besitz in den urbanen Räumen nur geringfügig erhöht hat, aber die ländlichen Regionen in den letzten 15 Jahren einen starken Zuwachs verzeichnen.

Da die Mobilitätswende auch das Ziel hat, die Mobilität nicht einzuschränken, müssen attraktive Alternativen zum Pkw geschaffen werden. Aufgrund der weiten Wege in ländlichen Regionen ist hier zuerst der ÖPNV gefragt. Doch gerade der ist das Sorgenkind. Unverständliche Tarifsysteme und Fahrpläne, ein dünnes Angebot und fehlende Flexibilität sorgen für das geringe Ansehen. In peripheren Regionen ist das öffentliche Verkehrsangebot teilweise bis auf den Schülerverkehr reduziert. Den eigenen Pkw aufgeben macht hier niemand freiwillig. Auf dem Land ist es über die Jahre zu einer Henne-Ei-Problematik gekommen: Der ÖPNV verzeichnet geringe Nutzerzahlen (u.a. wegen des demografischen Wandels, Urbanisierung und steigenden Pkw-Besitzes) und reduziert deswegen sein Angebot (oder war es andersherum?), das wiederum zu noch geringeren Nutzerzahlen führt und so weiter.

Neue Mobilitätsdienste – nur ein urbaner Trend?

Wo stehen wir in Kärnten in Bezug auf ein neues Mobilitätsdenken? Welche Möglichkeiten gibt es bereits? Wenn man einen Blick über die Landesgrenzen wagt und in größere Städte blickt, so hat dort die Mobilitätswende schon lange begonnen und neue Geschäftsmodelle drängen auf den Markt. Mit der sharing economy und Ride-Pooling wollen wir zwei urbane Trends auf ihre Übertragbarkeit in ländliche Regionen Kärntens betrachten.

Carsharing ist das temporäre Nutzen von Leihautos. Die Klimaschutzwirkung von Carsharing ist im Vergleich zu anderen umweltfreundlichen Systemen zwar eher gering, aber die eingesetzten Fahrzeuge sind im Carsharing durchschnittlich wesentlich kleiner und niedriger motorisiert (z.T. elektrisch) als Privat-Pkw´s, was sich wiederum positiv auf die Verbrauchs- und Emissionswerte auswirkt. Gerade für ländliche Regionen kann Carsharing eine Chance sein, den Zweit- oder Drittwagen zu ersetzen. Eine Lösung kann aber nur entstehen, wenn es einen flächendeckenden Anbieter gibt, der gerade auch die kleinen Orte entsprechend mit Fahrzeugangeboten versorgen könnte und auch eine zentrale Buchbarkeit über eine Plattform anbietet.

Das Rail & Drive-Angebot der ÖBB könnte hier eine gute Lösung darstellen. Doch erweist sich das aktuelle Standortangebot mit Fahrzeugen in Klagenfurt, Villach und Spittal/Drau noch sehr dürftig und kaum praktikabel für den Alltag. Aktuell ist das leider noch nicht mehr als eine reine PR-Aktion. Aber wir werden gerne beobachten, wie sich das System entwickelt und uns von den Verantwortlichen über Fortschritte berichten lassen.

Ein weiteres Thema ist das Ride-Pooling. Unter Ridepooling versteht man eine Dienstleistung in der Personenbeförderung. Ein Hybrid aus Taxi und ÖPNV: Die Fahrt findet unabhängig von einem Fahrplan oder einem Linienweg statt („wie ein Taxi“), wobei unterwegs Fahrgäste ein- und aussteigen dürfen („wie ein Omnibus im ÖPNV“). Preislich bewegen sich die Anbieter in der Regel zwischen dem Nahverkehrstarif und dem Taxitarif.

Das könnte zu einer wichtigen Säule der Mobilitätswende auf dem Land werden. Sowohl privatwirtschaftliche Anbieter wie auch öffentliche Verkehrsunternehmen entwickeln und erproben derzeit Ansätze im städtischen und ländlichen Raum. Für den ländlichen Raum kann Ride-Pooling eine große Chance sein, indem bedarfsgerechte Angebote und Fahrzeuge geschaffen bzw. eingesetzt werden. Aber auch hier wird es einfach bedienbarer Lösungen benötigen, die so eine Entwicklung vorantreiben.

Taxis als Teil des Öffentlichen Verkehrs?

Taxiverkehr und ÖPNV scheinen auf den ersten Blick zwei Konkurrenten zu sein. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass sich beide Verkehrsarten sehr gut ergänzen und das öffentliche Verkehrsangebot – vor allem sehr kurzfristig umsetzbar - verbessern.

Taxis haben sowohl für Öffi-Nutzer als auch Autofahrer viele Vorteile: die einen erreichen ihr Ziel auf direktem Weg und sind unabhängig von Fahrplan und Linienführung, die anderen ersparen sich bei gleicher Flexibilität und Geschwindigkeit die lästige Suche nach einem Parkplatz. Somit scheinen Taxis eine wichtige Lücke auszufüllen. Durch die Nutzung des Taxis profitiert somit indirekt der öffentliche Nahverkehr, da der Kunde nicht vollkommen an den eigenen Pkw verloren ist. Ein öffentliches Verkehrsunternehmen kann es eher verschmerzen, einen Kunden für einen Tag in der Woche an das Taxiunternehmen zu verlieren als die ganze Woche an den Pkw in Privatbesitz.

Voraussetzung ist natürlich, dass ein öffentliches Verkehrssystem für diesen Zweck nicht mehr isoliert betrachtet werden darf. Erst durch eine enge Integration und Vernetzung der Verkehrsmittel kann ein solches System existieren. 

Ein zusätzlicher Lösungsansatz könnte die Einführung eines Bonussystems sein, wie es in der Luftfahrt üblich ist. Nach einer bestimmten Anzahl gefahrener Kilometer mit den Öffentlichen, kann der Fahrgast die nächste Fahrt mit dem Taxi statt dem Bus zurücklegen.

Durch eine gemeinsame Abrechnung von ÖPNV- und Taxifahrten mittels einer App ließe sich ein solches System sehr einfach implementieren. Auch hier wäre es schon dringend an der Zeit, kärntenweit eine für Taxis an die Anforderungen der Zeit angepasste App-Lösung (inkl. Übersicht verfügbarer Wagen in der Umgebung und digitaler Zahlungsfunktion, etc.) zu etablieren.

Eine weitere Lösung wäre die Erweiterung, z.B. das “Peer-to-Peer-Taxi”: Ein Beispiel dazu zeigt die in Deutschland etablierte dynamische Mitfahrgelegenheit flinc. Erweitert um Funktionen einer zeitgemäßen Taxi-APP ließe sich ein modernes P2P-Taxiangebot aufbauen, das flexibel Fahrten von vier bis fünf Personen bündelt und mit dem Privat-Pkw abwickelt.

Diese Hybridversion von Individual- und Öffentlichem Verkehr bietet eine große Flexibilität bei gleichzeitiger Komplexitätsminimierung. Es entstünde ein kleines, aber sehr individuell auf die Eigenschaften und Bedürfnisse eines Gebietes zugeschnittenes Verkehrsangebot, das Angebot und Nachfrage in Echtzeit abbilden und zusammenbringen könnte.


Wir sind neugierig! Was habt ihr für Ideen zum Thema neuer Mobilität? Kennt ihr Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern? Welche technologischen Lösungsansätze gibt es bereits. Schreibt uns. Wir diskutieren gerne mit euch auf unseren Plattformen.

 

 

 

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