Wie Orte auf uns wirken!

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Mario Schönherr

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben…“.
Niemand geringerer als Albert Einstein war für diese Aussage verantwortlich. Und auch wir sind verantwortlich für die Zukunft, in der wir leben wollen. Darum gestalten wir sie aktiv mit! Der Schweizer Psychiater C. G. Jung glaubte, dass jedem Ort ein Geist innewohnt, den die Menschen, die dort leben oder arbeiten, berücksichtigen sollten. Er war damit nicht der Einzige, der so dachte. Die Geschichte ist voller Hinweise darauf, wie Menschen überliefertes Wissen über die Wirkung von Orten angewendet haben.

Die Etrusker etwa ließen an Orten, die sie besiedeln wollten, zunächst Schafe weiden und untersuchten ihre Lebern. Nur wenn die gesund waren, bauten sie dort ihre Häuser. Die Stadtplanung der alten Römer wäre ohne ihr Wissen über die Wirkung von Orten anders verlaufen und auch die mittelalterlichen Kirchen- und Dombaumeister hätten ihre Gotteshäuser ohne dieses Wissen anders und an anderer Stelle gebaut. Die Historikerin Dr. Roberta Rio hat ein spannendes Buch zu diesem Thema verfasst:

Der Topophilia Effekt. Wie Orte auf uns wirken. „Die Orte, an denen wir leben, arbeiten oder Urlaub machen, wirken ganz offensichtlich stärker auf uns, als das den meisten von uns bewusst ist. Vieles, das wir für Schicksal halten, ist von ihnen mitbestimmt und wir können es ändern, wenn wir uns mit unseren Orten auseinandersetzen. In meinem Buch zeige ich, was ich bei meinen Recherchen gelernt habe und wie ich dieses Wissen in meinem Gutachten von Orten umsetze.“

In unserem denk.süd-Gespräch haben wir Dr. Roberta Rio dazu befragt, welche Wirkweise die Vergangenheit von Orten auf die zukünftige Entwicklung haben kann. Und ihre Methode lässt sich nicht nur auf Orte und Landstriche anwenden, sondern findet auch verstärkt Einzug in die Wirtschaft: „Ich habe oft Unternehmer beraten, die mir einen Ort gezeigt haben und wissen wollten, wofür er sich am ehesten eignet. Es ist immer erstaunlich, welche Kraftquellen sich erschließen, wenn sie dann dem Geist des Ortes folgen, selbst wenn es nur eine historische und keine naturwissenschaftliche Evidenz dafür gibt. Es ist dann, als hätten Projekte Rückenwind, Dinge fügen sich besser, und das gleiche wäre bei einer Ortsentwicklung unter Einbeziehung der Wirkung von Orten der Fall.“

Aber was genau ist dieser Topophilia-Effekt, der dem Buch den Namen verlieh?

Wikipedia erklärt dazu: Topophilia (von griechisch topos "Ort" und -philia, "Liebe zu") ist ein starkes Gefühl für einen Ort, das sich oft mit dem Gefühl der kulturellen Identität bestimmter Menschen und der Liebe zu bestimmten Aspekten eines solchen Ortes vermischt.

Aus Sicht der Buchautorin und Historikerin ist es ein Sammelbegriff für die Wirkungen, die Orte auf uns haben können. Auf unsere Gesundheit, unseren beruflichen Erfolg oder darauf, wie gut unsere Beziehungen funktionieren. Vieles, das wir für Schicksal halten, bestimmen in Wirklichkeit die Orte mit, an denen wir wohnen, arbeiten oder Urlaub machen.

Können Sie uns einige konkrete Beispiele nennen?

Ich bin Historikerin und recherchiere die Geschichte von Orten, um Muster darin zu erkennen. Was ist dort immer wieder passiert und wird deshalb mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft wieder passieren? Gerade eben war ich bei einem Haus, das ein glückliches Paar kaufen wollte, und in dem in der Vergangenheit so gut wie alle Beziehungen kaputt gegangen sind. Ich habe sie darauf hingewiesen, damit sie sich entweder etwas anderes suchen oder ganz besonders gut auf ihre Verbindung achten. Ein anderes Mal habe ich herausgefunden, dass an einem Ort früher ein Gerichtsgebäude stand und es war interessant, wie sich Streitigkeiten auch lange danach noch das Leben der Menschen dort bestimmten.

Orte können eine positive oder negative Energie haben. Aber können wir sie überhaupt steuern oder vermeiden?

Es gibt keinen Ort, der per se gut oder schlecht ist, wir können ihn nur gut oder schlecht nützen. Nehmen wir ehemalige Friedhöfe als besonders krasses Beispiel. Unsere Vorfahren, die noch einen stärkeren Bezug zur Wirkung von Orten haben, wählten die Grundstücke dafür nie zufällig aus. Wenn wir dort zum Bespiel eine Kompostierungsanlage oder auch einen Schlachthof errichten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es funktioniert. Wenn wir uns dort ein Haus mit Garten bauen, um ein glückliches und gesundes Leben zu führen, nutzen wir den Ort wahrscheinlich falsch. Am liebsten sind mir die Aufträge, wo jemand wissen will, wie er einen Ort am besten nützen kann. Vor einigen Jahren kamen Engländer wegen einer aufgelassenen kleinen Kirche zu mir, in der die Mönche einst auch Brot gebacken haben. Wir haben das Ganze in ein Restaurant verwandelt. Wo der Altar war, ist jetzt die Theke, im Wein, wo der Messwein lagerte, ist jetzt der Weinkeller und den Ort, wo der Totenstein ist, haben wir ausgespart. Wer dort essen will, muss lange davor reservieren.

Klingt ziemlich esoterisch, oder gibt es eine wissenschaftliche Grundlage dafür?

Ich bin Historikerin und meine Arbeit hat nichts mit Esoterik, sondern etwas mit Statistik zu tun. Wenn an einem bestimmten Ort jede Firma, die dort ansässig war, in Schieflage geraten ist, dann wird sich dieses Muster mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wiederholen. Letztendlich geht es um statistisches Datenmaterial. Warum sich diese Dinge dort wiederholen, kann ich nicht sagen. Das ist nicht mein Forschungsgebiet. Das müssten die Naturwissenschaften klären, und ich fände es spannend, wenn sie es tun würden.

Sie sind Historikerin, aber ein Teil ihrer Arbeit ist es, Kunden über den „Topophilia-Effekt“ zu beraten. Quasi, wie ein Detektiv ermitteln Sie über einen bestimmten Ort. Wie funktioniert das?

Ich habe mehrere wichtige Quellen. Zum einen sind es Stadt- und Kirchenarchive, die zum Teil nur Historikern zugänglich sind. Auch das Internet ist eine Quelle, wobei es hier sehr um die Bewertung des Datenmaterials geht: Ist es glaubwürdig oder nicht? Außerdem recherchiere ich intensiv in der Umgebung, suche nach Menschen, die schon lange dort leben und viel zu erzählen haben. Dann finde ich zum Beispiel heraus, dass an einem Ort, an dem jemand ein Wohnhaus errichten will, früher über Generationen hinweg Gasthäuser florierten, und ich empfehle ihm, zu überdenken, ob er dort nicht besser ein touristisches oder gastronomisches Projekt entwickeln will,

Können wir auch irgendwie selbst dieser Art von „Ermittlung“ durchführen? Haben Sie für uns ein paar Tipps?

Zunächst sollte wir auf unseren ersten Eindruck vertrauen. Es ist wie bei der ersten Begegnung mit einem Menschen: Wir wissen, ob wir uns dort wohlfühlen werden oder nicht beziehungsweise ob wir dort unsere Ziele erreichen können oder nicht. Dann können wir uns ansehen, wer sich dort aufhält: Sind es Menschen, die glücklich und gesund wirken, erfolgreich? Wir können auch Nachbarn befragen, vor allem die Älteren, die sehr viel wissen. Und wir können auf Pflanzen oder Tiere achten. Fühlen sich Hunde wohl oder werden sie unruhig? Üppig blühende Rosen zum Beispiel sind eher ein gutes Zeichen, besonders schöne und viele Tomaten eher ein schlechtes. Es ist wie bei den Hunden und Katzen: Rosen fühlen sich dort wohl, wo sich Hunde und Menschen wohlfühlen, Tomaten dort, wo sich Menschen wohlfühlen. Suche nach Fotos von den Vorbesitzern. Was liegt in der Umgebung (Vorsicht vor Friedhöfen, Schlachtfeldern, Gefängnissen …).

Vielen Dank für diese spannenden Einblicke in die Arbeit zur Wirkweise von Orten.
Mehr dazu findet ihr auch im Buch von Dr. Roberta Rio: Der Topophilia-Effekt - Wie Orte auf uns wirken! Erhältlich im Kärntner Buchhandel!

Wir denkt ihr dazu? Wie würdet ihr den Topophilia-Effekt nützen, um z.B. besondere Orte im ländlichen Raum wiederzubeleben. Eure Meinung dazu interessiert uns. Unter allen Kommentaren, die wir hier erhalten, verlosen wir ein Buch!

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